Projekt „gespräche über die liebe“ der Künstlerin Julia Wegat

 

 

 

Die Frage nach dem „bloßen Leben“, nach der puren Existenz, aber auch Fragen der Identität, sowie Themen zu individueller und kollektiver (Un)schuld beschäftigen die Künstlerin in ihren diversen Projekten(ben jakov paintings, SPIT, männerraum/frauenraum, märchenbilder, totenprojekt) immer wieder.

 

 

Für dieses Projekt verbringt Julia Wegat einige Wochen in einem Bordell und spricht mit den dort arbeitenden Frauen. Sie sammelt Eindrücke, indem sie zeichnet und fotografiert und die Gespräche dokumentiert. Themen sind/können sein die (Lebens)geschichten der Frauen, deren persönliche Überzeugungen, Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle usw. Da die meisten in Deutschland arbeitenden Prostituierten aus osteuropäischen Ländern stammen, wird es hier auch eine thematische Überschneidung mit dem Themenbereich Migration geben.

 

Kern- und Mittelpunkt der geplanten Rauminstallation ist eine Serie von gleichformatigen Portraits der Frauen (ganz klassisch: Öl/ Leinwand). Während des Aufenthalts der Künstlerin im Bordell bittet diese die Frauen, sich als Modell selbst zu inszenieren. Jede Frau wählt selbstständig und durch die Künstlerin unbeeinflußt, die Art und Weise, in der sie dargestellt werden möchte.

 

 

 

Konzeptionelle Absicht: Prostitution gilt als das "älteste Gewerbe der Welt". Prostitutionsrezeption war bis in die 1980er Jahre vornehmlich Devianzforschung. Als Devianz wird die Abweichung von allgemeinen Normen und Wertvorstellungen bezeichnet. Die Bezeichnung eines Verhaltens als deviant ist immer mit einem Werturteil verbunden. Mit der Wirksamkeit von Normen tritt stets der soziale Tatbestand auf, dass von ihnen abgewichen wird. Durch die feministischen Diskussionen der 70er Jahre, in denen Prostituierte zumeist als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse dargestellt wurden, sowie durch die gleichzeitig stattfindende sexuelle Liberalisierung hat sich ein Perspektivwechsel ergeben.
Während es vorher darum ging, Devianzen zu untersuchen - etwa indem der Körper der Prostituierten vermessen wurde, um auf diese Weise die Ursache für die Wahl der Erwerbsquelle herauszufinden, oder Freier nur pathologisierend betrachtet werden konnten - gilt es heute, die vielfältigen Wissensformationen über Sexualität und ihre Verwobenheit mit ihrer kommerziellen Ausprägung, der Prostitution, zu ergründen. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Entwicklung haben sich auch vermehrt (weibliche) KünstlerInnen des Themas angenommen und dieses mit feministischem Tenor untersucht.
Der Streit, ob kommerzielle Sexualität nun 'gut' oder 'schlecht' sei, ist in den Hintergrund getreten. Vielmehr konzentriert man sich darauf Prostitution als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen.

Auch meine Arbeit ist stets die deviant in einer quasi Gegenrichtung. Gesellschaftliche Phänomene und Ausprägungen von ihren Rändern her künstlerisch zu erforschen, ist eine Ausprägung meiner work-in-process orientierten Vorgehensweise.

Erfahrungen mit Prostitution, als Lebensentwurf , als Erwerbsquelle habe ich in den Gesprächen mit den Frauen in das Justizvollzugsanstalt Aichach gemacht, im Rahmen des Projektes männerraum-frauenraum. In der isolierten Atmosphäre der Haft schilderten die Frauen (professionelle) Sexualität aus einem sehr gefühlsbetonten Blickwinkel, der mich überraschte. Dies führt zur Frage über die Gefühle, die Liebe an sich. Hier setzt das Projekt an. Nicht der gesellschafts(historische) Aspekt soll durchleuchtet werden, auch nicht der eine weibliche Sexualität, sondern der der Gefühle. Das Vorgehen ist experimentell, die Künstlerin begibt sich als Beobachterin in das zu beobachtende Umfeld und vermeidet jede Einmischung/innere Beteiligung. Wie bei bereits realisierten Projekten schließe ich die Künstlerinnenmeinung auch hier von vorne herein aus und beabsichtige dem anvisierten Betrachter die Wertung, so es denn eine zu fällen gibt, zu überlassen. Dadurch ist der Projektcharakter offen, in gewisser Hinsicht flexibel und innovativ. Systemimmanent auch die die offene Struktur. Natürlich reicht ein solches Projekt weit über regionale Aspekte hinaus, inhaltlich mit Sicherheit sowohl übertragbar, als auch allgemein gültig. Das Projekt ist per se innovativ, da weder in Ausführung, noch Planung so bisher existent. Das Ergebnis des künstlerischen Experiments ist vielfach übertragbar; die fertige Installation an diversen Orten zu sehen sein, wobei man prospektiv von großer Aufmerksamkeit und Interesse ausgehen kann. Etwaige Rückkopplungen aus solchen Projekten in eine betrachtende Zuschauerschaft hinein zu beobachten ist mir stets auch ein Anliegen, das ich mit besonderem Eifer verfolge und archiviere.