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pressetext

SPIT

Konzeptkünsterlin Julia Wegat, die Initiatorin, will mit ihrer Idee den Blick auf ein hochbrisantes Thema lenken: Bisher konnten so genannte "Jugendliche mit speziellem Förderungsbedarf", also beispielsweise Schulabgänger ohne ordentlichen Abschluss, in außerbetrieblichen Ausbildungslehrgängen fehlende Grundlagen nachholen und sich so gezielt auf das Berufsleben vorbereiten. Was heißt das und um wen geht es? Wer sind die Betroffenen – welche Position haben sie in unserer Gesellschaft? Wie sehen sie sich selbst und was machen sie aus i h r e m Leben in i h r e m Film? Die Vermischung von Realität und Fiktion – der Film SPIT als Konzept und Werk wirkt innen und außen, bei allen am Entstehungsprozess Beteiligten und den später dazu kommenden Betrachtern.

 

 

Der Film:

 

 

Elayla und Efe lernen sich beim Training in der Kletterhalle kennen. Es funkt – und eine wahrlich komplizierte Geschichte kommt ins Rollen. Um sich ihre große Sympathie

einzugestehen, ist es noch viel zu früh. Aber Elaylas Bruder Koray wacht streng über die Ehre seiner Schwester und ihm entgeht tatsächlich nichts. Mit scharfem Blick beobachtet Sercan, Koray´s Freund, das Mädchen Elayla – und den neuen Verehrer.

Dass Efe wiederum von der Polizei wegen des Verdachts auf Drogenhandel überwacht wird, kann Elayla nicht ahnen. Sercan, pflichtbewusst, ruft Koray an ...

Als Efe Elayla auf einem Fest im Jugendzentrum wieder trifft, nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und spricht sie an. Aus einer Unterhaltung wird ein enger Tanz.

Koray betritt mit seinen Freunden den Raum und für ihn ist alles klar: Schläge sind angebracht, Schläge sollen klären, was offensichtlich falsch läuft. Am Ende einer Nacht mit Prügelei und Rausschmiss landet Efe auf dem Polizeirevier und bleibt in Haft.

Freundschaft und Zusammenhalt unter jungen Männern, Treue und die Gefühle einer ersten Liebe werden in den kommenden Stunden und Tagen schwer auf die Probe gestellt. Islamische Tradition und eine westlich geprägt offene Welt prallen bitter aufeinander.

Wird Efe wegen des Drogenhandels und anderer Delikte abgeurteilt? Wird er in ein Land abgeschoben, mit dessen Kultur und Religion er aufgewachsen ist, was ihm in Wahrheit jedoch völlig fremd ist? Wie konnte es soweit kommen und gibt es überhaupt einen Grund, in Deutschland zu bleiben?

Die Freunde schmieden einen Befreiungsplan – aber es ist nicht klar, ob eine Trennung Efes von Elayla verhindert werden kann. Klar ist auch nicht, ob das gemeinsame Ziel mehr Kraft haben wird - als traditionelle Rollenverteilungen, die Umstände gesellschaftlicher Randpositionierung und tief gehende Zwistigkeiten unter türkisch-deutschen Jugendlichen.

 

 

Das Projekt:

 

Von Oktober 2002 bis Sommer 2004 arbeiten rund 50 Jugendliche an dem Projekt SPIT – ein Doku-Spielfilm. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ein Spielfilm im Jugendmilieu braucht schnell mal viele Darsteller. Bei Spit liegt die Sache jedoch etwas anders. Die deutsch-türkischen Jugendlichen aus der Neuperlacher Gegend haben fast alles selber gemacht: das Drehbuch, die Motivsuche, die Organisation, die Requisite, Maske, Ton und nicht zuletzt die Schauspielerei. Eine besondere Bedeutung kommt auch der selbst komponierten und gespielten/gesungenen Filmmusik zu. Technische Leitung und Kameraführung übernahm Gasan Alpaslan, Projektbetreuer bei der Bavaria Film, wobei die Jugendlichen schnell lernten und das Ganze auch von der technischen Seite her eine Gemeinschaftsproduktion wurde. Regie führte die Künstlerin Julia Wegat, die das Projekt auch initiiert, die Jugendlichen begeistert und motiviert hatte und schließlich auch die unbedingt notwendigen finanziellen Basis-Mittel an Land ziehen konnte.

 

Außergewöhnlich am Endergebnis ist die hohe Authentizität des Films – die Jugendlichen erzählen aus ihrer ureigenen Welt und spielen sich selbst. Sie sind im Film, wer sie im wirklichen Leben sind. Sie bereiten ihren Witz und ihren Hass, ihre Liebe und ihren Frust eins zu eins auf. Das ist direkt, das transportiert ohne Umwege konfliktgeladene Situationen, die für eine nicht geringe Anzahl von Menschen in Deutschland täglich Realität sind. Es wird kein Getto romantisiert und auch nicht auf die Tränendrüse gedrückt – es ist, wie es ist.

 

Das Projekt hat neben dem filmischen auch einen hohen pädagogischen Anspruch: Durch die enge und manchmal auch aufreibende Zusammenarbeit von Julia Wegat und den Akteuren ist ein Klima entstanden, das es den Jugendlichen ermöglichte, "eine Sache mal wirklich zu Ende zu bringen". Das Ergebnis ist greifbar und konkret - im Gegensatz zu vielen schulischen Anforderungen, die manchmal ja doch eher abstrakt in der Luft hängen bleiben. Es gibt Zeitvorgaben und als Team ist man voneinander abhängig. Ohne die Darsteller geht genauso wenig wie ohne den Tonmann. Alles kann an einem Einzelnen hängen. Verantwortung ist gefragt. Die Konflikte am Set können nicht, wie im Film, mit Schlägereien gelöst werden und es geht auch nicht, einfach abzuhauen, wenn einer mal die Schnauze voll hat. Diese Erfahrung und der filmspezifische Entwicklungsprozess eines "gemeinsamen Werkes" unterstützen die Jugendlichen bei ihrem persönlichen, mehr und mehr Erfolg versprechenden Einsatz für ihre Interessen in Schule und Ausbildung. Die intensiven Erfahrungen der Zusammenarbeit stärken Selbstbewusstsein und Gemeinschaftsgefühl – beides Grundlagen für ein erfülltes individuelles Leben, besonders unter schwierigen gesellschaftlichen Voraussetzungen.

 

 

Die Konzeptkünstlerin Julia Wegat stellt seit 1990 an verschiedenen exponierten Orten ihre materiellen und immateriellen Werke aus. Der materielle Teil der Objekte setzt sich aus Leinwand und Farbe, aus Raum- und Viedeoinstallationen, aus visuellen wie auditiven Elementen zusammen. Der immaterielle Teil des Kunstwerks – auf den es Julia Wegat ankommt - wird als Idee oder als sich herausstellende Quintessenz der Idee, quasi als Filterprodukt der Person und Künstlerin Wegat, fassbar. Ein Betrachter nimmt auf, lässt sich berühren, eine winzige oder gigantische Wandlung findet statt.

Es geht darum, Prozesse – emotionaler und intellektueller und in der Folge auch gesellschaft-licher und politischer Natur - in Gang zu setzen. So sind die materiellen Bestandteile eines Werkes nicht nur Kunstwerk an sich, sondern vielmehr Transporteure, Auslöser und/oder Katalysatoren für eine Idee, eine Erkenntnis oder eines Gefühls, die/das durch die Berührung des Betrachters eines Bildes oder des Beteiligten einer Installation weitere, nächste Dimensionen erzeugt. Ein so entstandener Prozess kann auch einen anderen (beispielsweise in der gesellschaftlichen Entwicklung) bereits lange stattfindenden Prozess stören – umlenken, aufhalten, oder zumindest ins Stolpern bringen.

Die Schülerin von Gottfried Helnwein und Ben Willikens verwirklichte mit dem Video-Malerei Projekt "Schönheiten-Galerie" im Schloß Nymphenburg (2001) ein ungewöhnliches und äußerst erfolgreiches Projekt, wobei sich dort ihre konzeptionelle Linie des von ihr so genannten "Metarealismus" bereits deutlich manifestierte. Später erhielt sie neben Projekten in öffentlichen Räumen und privaten Galerien große Resonanz auf die "ben-jakov-paintings" (2002) im Herkulessaal. Neben dem hier vorgestelltem Filmprojekt "SPIT" arbeitet sie derzeit an einer neuen Installation – dem "Schuldigkeitsraum":

 

 

Die ProtagonistInnen:

 

Monika Mulaku. Muammer Ökszüs, Deniz Sendil, Maria Adlouni, Ali Agbulut, Serkan Basol, Orhan Cesur, Daniel Darchinger, Burak Günlü und Nadine Hoffmann - DarstellerInnen und MacherInnen des Filmes stammen fast ausschließlich aus einem deutschen Milieu, das zunehmend in die Schlagzeilen gerät: Lehrer, Ausbilder und Eltern beklagen sich, Mitschüler fühlen sich bedroht und drohen selbst (und umgekehrt), die Polizei sieht sich einem weiten Aufgabenfeld gegenüber.

 

So leben etwa eine Million Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland von Sozialhilfe. Die Zahl der einkommensschwachen Haushalte bei ausländischen Familien (definiert durch die 50 % Armutsschwelle) nach den Daten des sozioökonomischen Panels seit 1984 mit ca. 25 % mindestens doppelt so hoch wie bei deutschen Familien (Quelle: Caritas).
Rund 80.000 Jugendliche verlassen jährlich bundesweit die Schule ohne einen Abschluss. Das führt zu gravierenden Mängeln im Lesen und Schreiben. Zwei Millionen Erwachsene in Deutschland sind funktionale Analphabeten (Quelle: WDR).

Dramatisch erscheint der Bildungsabsturz bei der größten Problemgruppe, den Schülern türkischer Herkunft: 40 Prozent von ihnen stehen nach der Schule ohne Ausbildungsplatz da - damit fast ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt (bei den deutschen sind es acht Prozent) (Quelle: BAG KJS).

Ausländische Jugendliche wachsen nicht nur in einem ethnischen Getto auf, sondern diese Gettos liegen in solchen Stadtteilen oder kleinräumigen Zonen in Stadtvierteln, die infrastrukturell benachteiligt sind. Die räumliche und ethnische Konzentration von Armut mit ihrer Mischung aus hohen Anteilen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, die die US-amerikanischen Gettos kennzeichnet, greift auch in Deutschland Raum. Es bietet den Kindern ein vernachlässigtes, anregungsarmes Wohnumfeld, deren Bezüge zu der Mehrheitsge-sellschaft nur noch über die Bildungsinstitutionen hergestellt werden (Quelle: Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung). Das sind Zahlen.

SPIT

 

 

Die Förderer:

 

Gefördert wurde das Projekt durch die EU und großzügige Spenden verschiedener Institutionen: So durch die renommierte ARRI Film, BMW, Rodhe & Schwarz und den gemeinnützigen Verein ETC (Euro-Trainings-Centre), der grundlegende Unterstützung in der Verwirklichung und beim Schnitt leistete, und dem Bündnis für Kinder. Zahlreiche Institutionen verzichteten auf Drehgebühren und Mieten.

möchte diesen Zahlen zu einer Identität verhelfen und Teil eines Integrationsprozesses sein, der aus Aus- und In-Ländern, sozial Benachteiligen und besonders Begünstigten eine vielschichtige Gesellschaft mit wenigstens nahezu echter Chancengleichheit macht.

Julia Wegat:

ist sichtbar – SPIT lebt. Der Film SPIT, ein Gemeinschaftsprojekt der Künstlerin Julia Wegat und rund 50 deutsch-türkischen Jugendlichen, die alle aus dem sozielen Brennpunkt München Neuperlach stammen, wird aufgeführt. Was ist SPIT? SPIT nimmt teil an und ist gleichzeitig Teil von i h r e n Lebenswelten: ein Doku-Spielfilm, dessen Drehbuch die Akteure selbst geschrieben und verwirklicht haben – von der Idee bis zum leinwandreifen Produkt.