Ein Besuch in der Galerie der alten Meister

Julia Wegat «erneuert» in der Galerie «Kunstraum Sutter-Kress» berühmte Bilder der Kunstgeschichte

  


Zitate aus dem Fundus der Kunstgeschichte in eigene Bilder einzubauen ist ein geläufiges Motiv der modernen Malerei, sei es als Hommage oder, was häufiger der Fall ist, als Parodie. Die Porträts nach den Vorbildern alter Meister der Münchner Malerin Julia Wegat in der Galerie «Kunstraum Sutter-Kress» in der Theaterstraße sind aber weniger Zitat, als vielmehr Neubearbeitung.


Zwar hält sie an der vorgegebenen Bildsituation fest, wechselt aber die Gesichter durch die lebender Modelle aus und ergänzt das Original durch Attribute, die nicht mehr dem Vorbild, sondern dem Porträtierten angehören. Der Knabe aus einem Porträt, das Carotto im 15. Jahrhundert gemalt hat, hält bei ihr ebenfalls eine Kinderzeichnung in der Hand, aber selbstverständlich ist es nicht mehr dieselbe Zeichnung.


Diese Zusätze und Veränderungen haben gewiss etwas Parodistisches, das allerdings nicht offensiv hervortritt. Sie sind eher darauf aus, das alte Bild in einen zeitgenössischen Zusammenhang zu rücken. Die Odaliske von Ingres kaut auf einer Zahnspange, die Madonna von Fouquet trägt ein Piercing, Leonardos Dame mit dem Hermelin hält eine Katze auf dem Arm, die im Gegensatz zu ihrer feierlich blickenden Herrin, dem Beschauer nicht ohne Ironie zublinzelt.


Der Titel der Ausstellung «freunde und nachbarn» ist doppeldeutig. Er bezieht sich nicht nur auf die im Porträt dargestellten Personen, sondern auch auf die berühmten Kollegen aus 500 Jahren Malerei, die als Vorbilder gedient haben. Insofern sind Julia Wegats Verwandlungen gewiss eine Hommage.


Die äußert sich weniger in der Genauigkeit des Zitats als vielmehr darin, dass der Blickwechsel der Malerin auf das alte Motiv dem Original ein neues Bild abgewinnt, ohne jenes verschwinden zu lassen. Bei Vermeers Dame mit Ohrring ist die originalgetreue Wiedergabe dadurch relativiert, dass die Dame ein zweites Mal als Spiegelbild gemalt wird. Leonardos Anna Selbtritt schließlich ist nur mehr als Übermalung erkennbar, die sich mit dem neuen Motiv zu einem Rätselbild verschlingt.


Wie schon auf früheren Arbeiten – seit 2003 ist dies die dritte Ausstellung Julia Wegats in der Erlanger Galerie – malt sie statt auf Leinwand auf Damaststoff, dessen Muster in die Bilder einbezogen sind. Sie entwerfen den Porträtierten einen eigenen Bildraum, in dem das blonde Mädchen nach einem Gemälde von Jan Lieven ganz deutlich wie vor einer Tapetenwand steht. Weil das Muster aber die gesamte Bildoberfläche überzieht, versinken auch die Gesichter darin. Die räumliche Illusion verwandelt sich in die Erfahrung der verfließenden Zeit, die das museale Original von seiner aktuellen Version trennt. KURT JAUSLIN

26.2.2008