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libertas haus

Installation

julia wegat





libertas haus ist ein Projekt über die Beziehung zwischen geographischem Raum, historischer Zeit und individueller Zeit. Erforscht werden die Veränderungen, die einem Raum durch individuelle und historische Erfahrungen und (Paradigmen)Wechsel zugefügt werden und dabei wird, nach Lefebvre (Production de l'Espace1), der Versuch unternommen, den Raum an sich als Produkt und Produzent sozialer Bedingungen festzumachen; den Raum und nicht die Zeit als Medium sozialer Veränderungen, zu denken. Diesen Perspektivwechsel bezeichnet man als `spatial turn`, Organisationsformen des Nebeneinanders bilden einen neuen Raumbegriff.



Im Sommer 2009 zog ich mit acht Pferden und Atelier von Bayern nach Sachsen-Anhalt, in ein Dorf, nördlich von Halle/Saale und Leipzig. Die Wurzeln des Ortes liegen im 19 Jh, wobei hier drei großgrundbesitzende Familien (Boettcher, Abe und Boltze) durch die Erbauung großer Gutshöfe das Dorfbild bis heute bestimmen. Die historischen Höfe sind teilweise bewohnt, aber in einem oft stark renovierbedürftigen Zustand. Einen dieser Höfe, das Hofgut von Liberta Abe, bewohne ich seit Oktober 2009.

Im Zuge der notwendigen Renovierungs- und historischen Rückbauarbeiten, kommen verschiedenste Menschen aus dem Dorf auf mich zu und erzählen mir ihre (Lebens)Geschichten und die Geschichten ihrer Familien. Auslöser und Katalysator für diese Geschichten sind stets die Pferde, mit denen ich hier wohne. Die Geschichten, die von Vorkriegs- und Kriegserfahrungen, Flucht und Vertreibung, Ansiedlung in der neuen Heimat, dem Leben in der DDR und dem (neuen) Leben nach der Wende handeln, haben alle auch Pferde zum Inhalt und werden oft mit privatem Foto- und Bildmaterial belegt, das wiederum auch bauliche Veränderungen an libertas haus dokumentiert.



Diese Geschichten mittels Audioaufzeichnungen zu sammeln, die privaten Fotos dieser Menschen zu archivieren, parallel dazu den (historischen) Rückbau von libertas haus zu dokumentieren ist ein erster Schritt dieser Arbeit.

Die Aufhebung von Distanz, das Zulassen persönlicher Meinungen, Sichtweisen und Erfahrungen ist Intention dieser Sammlertätigkeit. Die Erfahrungen und Erinnerungen von Personen die direkt als Bewohner, zeitweilige Eigentümer und Anwohner von libertas haus und indirekt über die Dorf- und regionale Geschichte mit libertas haus verbunden sind, werden dieses Archiv bilden. Die Veränderungen an libertas haus selbst, die ich über alte Fotos dokumentieren will, werden in einem Bildarchiv zusammen mit anderen relevanten, individuellen Zeitmaterialen gesammelt. Der Prozess der Datenerhebung und Sammlung selbst, fließt in das Resultat der Arbeit ein.



Die Sammlung begreift sich, wie wohl die deutsch-deutsche Geschichte wesentlicher Bestandteil des Archivs sein wird, nicht als Zeitzeugeninszenierung o.ä. - vielmehr möchte ich, unter Verzicht auf eine homogenisierende, historische Sinnproduktion zulassen, dass die subjektiven Erinnerungen und Erfahrungen aufgrund der zeitlichen Distanz mit dem tatsächlich erlebten möglicherweise wenig zu tun haben. Ich beabsichtige eine ethnologisch-wissenschaftliche Arbeit mit künstlerischen Methoden zu realisieren2, wobei ich kartierende verfahren ansetze3, für deren Auswertung ich visuelle Methoden entwickle. Unter Verzicht auf einen großformatig rahmenden Diskurs, wird in der Archiv-Sammlung der Weg frei zu individuellen, semantischen, Horizonten und das Archiv bildet ein zeitgeschichtliches Labor, das aktuelle und vergangene Ereignisse im persönlich/privaten Blickwinkel abbildet, wobei libertas haus und die Pferde das mittelnde und vereinende Bindeglied sind.


Ich möchte das Archiv, wobei sich die Stoffsammlung aus unterschiedlichsten Medien und Formaten, wie etwa Film- und Audioerzählungen, Stills, Shortcuts, Spots und journalistischen (Bild)Reportagen zusammensetzt, wie in schon existenten und abgeschlossenen eigenen projekten (totenprojekt; männerraum-frauenraum4) ungefiltert und unkommentiert abbilden. Damit erwehre ich mich, wie ich meine, des vergeblichen Versuchs , deutsch-deutsche Geschichte quotenmäßig abzubilden und auszuwerten, indem ich keine ethisch interpretierende Zentralperspektive vorgebe.

Der Schlüssel zur Interpretation der Polyphonie des Archivs und der Installation sollen allein libertas haus und die Pferde sein sein.


In einem zweiten Schritt will ich die so gesammelte Fülle von Informationsmaterialien (Film, Audio, Kopien, Bilder, Texte, Realien) überwiegend digital auf kleinstem möglichem Raum, am besten in Zellen oder kleinen Einzelabteilen, nicht enzyklopädisch verkoppeln und verdichten5. In der letztendlichen Installation möchte ich diese Daten in einer zeitversetzten Wiederholung und teilweise gleichzeitigen Inszenierung präsentieren, um die Narrationen zu zersprengen, zugunsten einer ästhetischen Brechung, mittels eines Zustandes, der sich möglicherweise nicht mehr in sinnvollen chronologischen Zusammenhängen zu orientieren vermag.

Formal lasse ich in der Präsentation übertragbare Erinnerungstechniken greifen, setze Gleichzeitgkeiten ein und bringe fortlaufende Erzählformen ins Spiel, mit denen Bewußtseinsanalysen und Darstellungen komplexer Lebensinhalte abgebildet werden können.


Bilder und Daten sollen nicht aus der Distanz in eine wahrnehmbare Perspektive gebracht werden können; der Zuschauer soll in ein quasi krisenhaftes Interieur versetzt werden, soll sich seiner eigenen prekären Situation bewußt werden, sich zu den Daten/Bilder verhalten und seinen eigenen Standpunkt suchen.

Von keinem räumlichen Punkt aus soll die fertige Installation als ganzes zu sehen und interpretieren sein. Raumeinbauten, Nachbauten, Realien und projizierte Räume sollen das Interieur quasi in sich doppeln.



Der Status der Bilder/Daten zeigt sich zwar als authentisch, aber als (historisch/chronologisch) ungewiss, was ihre Herkunft und Bedeutung betrifft.

Die Narrationen selbst sind von potentieller politischer Qualität, mit Elementen von Klarsichtigkeit und Sentimentalität.

Utopien und Desaster einzelner relativieren sich gegenseitig, seelisch aufgeladene Lebensinventare, Reminiszenzen aus einer, wie lange vergangen erscheinenden Zeit, stellen immer persönliche Einsichten und Interpretationen eines aus inzwischen 20 Jahren Distanz inzwischen offiziell gewerteten Zeitgeschehens dar und verteidigen und konservieren die Identität, damit auch die Integrität und die persönliche Geschichte einzelner, in einer gnadenlos nivellierenden Massengesellschaft.



Die hohe Verdichtung der Wiedergabe wird die Forderung nach dem persönlichen begreifen von Historie, deutsch-deutscher Identität und der subjektiven Erfahrung von Zeitgeschichte evozieren und damit am Rande auch nach der Gefährdetheit der eigenen Identität, die ich selbst vehement empfinde, seit ich vom Westen in den Osten und libertas haus gezogen bin.


Ich begreife das Projekt als eine spezifisch künstlerische Produktion von Wissen und Verstehen, die eine Erkundung von Gegenwart aus ethnologischem Blick zulässt, die politische, ökonomische und soziale Verhältnisse und Veränderungen in einem ost-west-deutschen Spannungsfeld diskursiv und mit spielerischer Freiheit ins Zentrum rückt.

1 Lefebvre, Henry: The Production of Space, Oxford/Cambridge 1991

2 Lawrence Grossberg beschreibt ein weites Feld möglicher Überschreitungen und Schnittstellen von künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden und Wissensformen. Hier geht es um Kontextualität, die Anpassung von Methoden und Theorien an den jeweiligen Untersuchungszusammenhang und Transdisziplinarität. Vgl: Grossberg, Lawrence: What´s going on? Cultural studies und Populärkultur, Wien 2000, S. 263-279.

3 Heil, Christine: Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst: Reflexionsräume und Handlungsfelder zur Erfindung und Erforschung von Vermittlungssituationen München 2006

4 www.julia-wegat.de

5 Vgl:Aleida Assmann, Tonio Hölscher( Hg): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt 1998



libertas haus

 

Installation

julia wegat





libertas haus ist ein Projekt über die Beziehung zwischen geographischem Raum, historischer Zeit und individueller Zeit. Erforscht werden die Veränderungen, die einem Raum durch individuelle und historische Erfahrungen und (Paradigmen)Wechsel zugefügt werden und dabei wird, nach Lefebvre (Production de l'Espace1), der Versuch unternommen, den Raum an sich als Produkt und Produzent sozialer Bedingungen festzumachen; den Raum und nicht die Zeit als Medium sozialer Veränderungen, zu denken. Diesen Perspektivwechsel bezeichnet man als `spatial turn`, Organisationsformen des Nebeneinanders bilden einen neuen Raumbegriff.



Im Sommer 2009 zog ich mit acht Pferden und Atelier von Bayern nach Sachsen-Anhalt, in ein Dorf, nördlich von Halle/Saale und Leipzig. Die Wurzeln des Ortes liegen im 19 Jh, wobei hier drei großgrundbesitzende Familien (Boettcher, Abe und Boltze) durch die Erbauung großer Gutshöfe das Dorfbild bis heute bestimmen. Die historischen Höfe sind teilweise bewohnt, aber in einem oft stark renovierbedürftigen Zustand. Einen dieser Höfe, das Hofgut von Liberta Abe, bewohne ich seit Oktober 2009.

Im Zuge der notwendigen Renovierungs- und historischen Rückbauarbeiten, kommen verschiedenste Menschen aus dem Dorf auf mich zu und erzählen mir ihre (Lebens)Geschichten und die Geschichten ihrer Familien. Auslöser und Katalysator für diese Geschichten sind stets die Pferde, mit denen ich hier wohne. Die Geschichten, die von Vorkriegs- und Kriegserfahrungen, Flucht und Vertreibung, Ansiedlung in der neuen Heimat, dem Leben in der DDR und dem (neuen) Leben nach der Wende handeln, haben alle auch Pferde zum Inhalt und werden oft mit privatem Foto- und Bildmaterial belegt, das wiederum auch bauliche Veränderungen an libertas haus dokumentiert.



Diese Geschichten mittels Audioaufzeichnungen zu sammeln, die privaten Fotos dieser Menschen zu archivieren, parallel dazu den (historischen) Rückbau von libertas haus zu dokumentieren ist ein erster Schritt dieser Arbeit.

Die Aufhebung von Distanz, das Zulassen persönlicher Meinungen, Sichtweisen und Erfahrungen ist Intention dieser Sammlertätigkeit. Die Erfahrungen und Erinnerungen von Personen die direkt als Bewohner, zeitweilige Eigentümer und Anwohner von libertas haus und indirekt über die Dorf- und regionale Geschichte mit libertas haus verbunden sind, werden dieses Archiv bilden. Die Veränderungen an libertas haus selbst, die ich über alte Fotos dokumentieren will, werden in einem Bildarchiv zusammen mit anderen relevanten, individuellen Zeitmaterialen gesammelt. Der Prozess der Datenerhebung und Sammlung selbst, fließt in das Resultat der Arbeit ein.



Die Sammlung begreift sich, wie wohl die deutsch-deutsche Geschichte wesentlicher Bestandteil des Archivs sein wird, nicht als Zeitzeugeninszenierung o.ä. - vielmehr möchte ich, unter Verzicht auf eine homogenisierende, historische Sinnproduktion zulassen, dass die subjektiven Erinnerungen und Erfahrungen aufgrund der zeitlichen Distanz mit dem tatsächlich erlebten möglicherweise wenig zu tun haben. Ich beabsichtige eine ethnologisch-wissenschaftliche Arbeit mit künstlerischen Methoden zu realisieren2, wobei ich kartierende verfahren ansetze3, für deren Auswertung ich visuelle Methoden entwickle. Unter Verzicht auf einen großformatig rahmenden Diskurs, wird in der Archiv-Sammlung der Weg frei zu individuellen, semantischen, Horizonten und das Archiv bildet ein zeitgeschichtliches Labor, das aktuelle und vergangene Ereignisse im persönlich/privaten Blickwinkel abbildet, wobei libertas haus und die Pferde das mittelnde und vereinende Bindeglied sind.


Ich möchte das Archiv, wobei sich die Stoffsammlung aus unterschiedlichsten Medien und Formaten, wie etwa Film- und Audioerzählungen, Stills, Shortcuts, Spots und journalistischen (Bild)Reportagen zusammensetzt, wie in schon existenten und abgeschlossenen eigenen projekten (totenprojekt; männerraum-frauenraum4) ungefiltert und unkommentiert abbilden. Damit erwehre ich mich, wie ich meine, des vergeblichen Versuchs , deutsch-deutsche Geschichte quotenmäßig abzubilden und auszuwerten, indem ich keine ethisch interpretierende Zentralperspektive vorgebe.

Der Schlüssel zur Interpretation der Polyphonie des Archivs und der Installation sollen allein libertas haus und die Pferde sein sein.


In einem zweiten Schritt will ich die so gesammelte Fülle von Informationsmaterialien (Film, Audio, Kopien, Bilder, Texte, Realien) überwiegend digital auf kleinstem möglichem Raum, am besten in Zellen oder kleinen Einzelabteilen, nicht enzyklopädisch verkoppeln und verdichten5. In der letztendlichen Installation möchte ich diese Daten in einer zeitversetzten Wiederholung und teilweise gleichzeitigen Inszenierung präsentieren, um die Narrationen zu zersprengen, zugunsten einer ästhetischen Brechung, mittels eines Zustandes, der sich möglicherweise nicht mehr in sinnvollen chronologischen Zusammenhängen zu orientieren vermag.

Formal lasse ich in der Präsentation übertragbare Erinnerungstechniken greifen, setze Gleichzeitgkeiten ein und bringe fortlaufende Erzählformen ins Spiel, mit denen Bewußtseinsanalysen und Darstellungen komplexer Lebensinhalte abgebildet werden können.


Bilder und Daten sollen nicht aus der Distanz in eine wahrnehmbare Perspektive gebracht werden können; der Zuschauer soll in ein quasi krisenhaftes Interieur versetzt werden, soll sich seiner eigenen prekären Situation bewußt werden, sich zu den Daten/Bilder verhalten und seinen eigenen Standpunkt suchen.

Von keinem räumlichen Punkt aus soll die fertige Installation als ganzes zu sehen und interpretieren sein. Raumeinbauten, Nachbauten, Realien und projizierte Räume sollen das Interieur quasi in sich doppeln.



Der Status der Bilder/Daten zeigt sich zwar als authentisch, aber als (historisch/chronologisch) ungewiss, was ihre Herkunft und Bedeutung betrifft.

Die Narrationen selbst sind von potentieller politischer Qualität, mit Elementen von Klarsichtigkeit und Sentimentalität.

Utopien und Desaster einzelner relativieren sich gegenseitig, seelisch aufgeladene Lebensinventare, Reminiszenzen aus einer, wie lange vergangen erscheinenden Zeit, stellen immer persönliche Einsichten und Interpretationen eines aus inzwischen 20 Jahren Distanz inzwischen offiziell gewerteten Zeitgeschehens dar und verteidigen und konservieren die Identität, damit auch die Integrität und die persönliche Geschichte einzelner, in einer gnadenlos nivellierenden Massengesellschaft.



Die hohe Verdichtung der Wiedergabe wird die Forderung nach dem persönlichen begreifen von Historie, deutsch-deutscher Identität und der subjektiven Erfahrung von Zeitgeschichte evozieren und damit am Rande auch nach der Gefährdetheit der eigenen Identität, die ich selbst vehement empfinde, seit ich vom Westen in den Osten und libertas haus gezogen bin.


Ich begreife das Projekt als eine spezifisch künstlerische Produktion von Wissen und Verstehen, die eine Erkundung von Gegenwart aus ethnologischem Blick zulässt, die politische, ökonomische und soziale Verhältnisse und Veränderungen in einem ost-west-deutschen Spannungsfeld diskursiv und mit spielerischer Freiheit ins Zentrum rückt.

1 Lefebvre, Henry: The Production of Space, Oxford/Cambridge 1991

2 Lawrence Grossberg beschreibt ein weites Feld möglicher Überschreitungen und Schnittstellen von künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden und Wissensformen. Hier geht es um Kontextualität, die Anpassung von Methoden und Theorien an den jeweiligen Untersuchungszusammenhang und Transdisziplinarität. Vgl: Grossberg, Lawrence: What´s going on? Cultural studies und Populärkultur, Wien 2000, S. 263-279.

3 Heil, Christine: Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst: Reflexionsräume und Handlungsfelder zur Erfindung und Erforschung von Vermittlungssituationen München 2006

4 www.julia-wegat.de

5 Vgl:Aleida Assmann, Tonio Hölscher( Hg): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt 1998