bayerisches HWP-Stipendium für Totenprojekt

TOTENPROJEKT

Ein Malereiprojekt von Julia Wegat

 

Thematischer Kontext:

Der Umgang mit dem Tod ist in der Moderne in immer stärkeren Maß rationalisiert, aber auch tabuisiert worden. Die Berührungsängste mit menschlicher Sterblichkeit begannen mit den ersten Leichenhallen, sie führten zur Einführung der Feuerbestattung im späten 19. Jahrhundert und mündeten in die gegenwärtig immer bedeutender werdende "anonymen Beisetzung".

Der Verfall von Sterbe- und Bestattungs- und Trauerriten resultiert aus einem Wandel der Gesellschaft dem Tod gegenüber.

Während vor rund zwei Generationen der Tod noch als natürlicher Teil des Lebens angesehen und auch als solcher akzeptiert wurde, ist er in jüngster Zeit immer weiter verdrängt worden. Endete früher das menschliche Leben im Kreis der Familie, Nachbarn und Freunde, so stirbt der Mensch heute von seinen Angehörigen isoliert einen verborgenen Tod. Zum Zeitpunkt seiner letzten und intimsten existentiellen Krise wird der Mensch aus seiner vertrauten Umgebung gerissen und in die sterile und unpersönliche Atmosphäre des Krankenhauses transportiert. Danach wird der Leichnam vom Bestattungsunternehmen diskret entfernt. Dadurch ist die unmittelbare Erfahrung des Einzelnen mit dem Sterben und dem Tod selten geworden. Die Verdrängung des Todes ist vor allem ein Phänomen der städtischen Gesellschaft, wo immer häufiger ein anonymes Leben in einen anonymen Tod mündet (In Chemnitz werden bereits 70 Prozent der Verstorbenen anonym bestattet, in Leipzig und Erfurt 50 Prozent und in Hamburg 25 Prozent). Hier gibt es keine Namen mehr und keinen Hinweis auf persönliche Lebensdaten.

Einen Höhepunkt des tabuisierten und namenlosen Sterbens bilden die Ordnungsamtbestattungen. Im Morgengrauen wird die Urne mit der Asche des/der Unbekannten ohne Trauerfeier und ohne Angehörige von Friedhofsarbeitern auf einem anonymen Urnenfeld vergraben. Die Entsorgung des toten menschlichen Körpers erfolgt diskret, routiniert und Platz sparend. Das Gedenken an ein individuell gelebtes Leben mit all seinen einzigartigen Erinnerungen und Erfahrungen ist aus diesem neutralisierten Prozess verbannt worden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Intention des Projektes;

Hier setzt das Malerei-Projekt von Julia Wegat an. Die Kollision mit der Endlichkeit ist gerade in unseren Tagen, wo fast alles planbar und käuflich ist, besonders schmerzlich. Als Folge wird alles, was mit Sterben und Tod zusammenhängt, als scheinbar nicht existent beiseite geschoben. Die Künstlerin möchte mit ihrer Arbeit dieser immer weitergehenden Verdrängung und Tabuisierung von Sterben entgegenwirken. Der Betrachter wird mit Bildern des Todes konfrontiert. Die Bilder evozieren eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit, und stellen damit auch die Sinnfrage für das eigene Dasein. Der Tod soll sichtbar und bewusst werden- ohne Schrecken zu verbreiten. Der Tod wird gezeigt als Bild der letzten Ruhe, als Schlafes Bruder.

 

 

Umsetzung des Projektes:

Nachdem Julia Wegat sich in einer größeren Werkreihe mit dem Thema "Schlaf" beschäftigt hat, dem Zustand des Unbewussten, von dem Hebbel sagt, er sei "das Hineinkriechen des Menschen in sich selbst", erscheint es für sie konsequent, den nächsten Schritt zu gehen, und sich nun mit dem Themenkreis Sterben, Tod, Endlichkeit auseinander zu setzen.

Sie wird Bilder von toten Menschen malen, vorwiegend von solchen, die ohne Angehörige durch eine sog. Ordnungsamtbestattung "entsorgt" werden. Ein memento mori für all die Verstorbenen, von denen weder Namen noch Lebensdaten als Spur ihres Lebens übrig bleiben.

Die Künstlerin, die eine für sie charakteristische und zeitgemäße Bildsprache entwickelt hat, wird auch in diesen Bildern zwei vollkommen gegensätzliche Grundpositionen der Malerei miteinander vereinigen, einen minutiösen Fotorealismus mit subjektiv-emotionalen (Farb)-Strukturen.

 

 

 

 

Julia Wegat erscheint geradezu prädestiniert für eine Auseinandersetzung mit einem in unserer Gesellschaft so stark tabuisierten Thema. Denn ihre eindringlichen Bilder zeigen eine genaueste Beobachtung, die einhergeht mit einer respektvollen Distanz. Ihre Arbeiten leben von einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt von einem großartigen malerischen Vermögen.

 

Martina Sutter-Kress, M.A.

um den tod zu begreifen...

...malt sie erst tote tiere.
die bilder der toten menschen werden aus pietätsgründen ausserhalb eines ausstellunsgkontextes hier nicht veröffentlicht.